Etwas was mir an US-Unis sehr gefaellt, sind die vielen interessanten Menschen die jede Woche “vorbei kommen” und ueber ihre Arbeit erzaehlen, ihre Klavier, Geigen oder Gitarrenkuenste vorfuehren oder ueber ihre Erlebnisse in anderen Laendern berichten. Jetzt mag man das sicher auch in einigen deutschen Staedten haben, hier jedoch ist dies alles kostenlos und unkompliziert — einfach nach der Uni ein paar hundert Meter zur XY Hall laufen und Platz nehmen, mit Jeans, mit Sportpullover, im kleinen, gemuetlichen Rahmen, Kaffee und Kuchen am Eingang bereitgestellt. Diese Unkompliziertheit ist meines Erachtens nicht zu unterschaetzen, wenn es darum geht, vielen verschiedenen Menschen Kultur und Wissen nahe zu bringen.
Das “Jewish Studies Program” hier an der Uni ist wohl sehr renommiert und hat deshalb jede Woche interessante Redner. Diese Woche kam Peter Eisenman, der Architekt des Holocaust Memorials in Berlin. Ich kannte ihn (und das Memorial) natuerlich schon, aus Zeitungsberichten, Nachrichten und Dokumentationen. Er erzaehlte ueber Zusammentreffen mit Helmut Kohl (nachdem Eisenmans Kollege die Befuerchtung geaeussert hatte, dass die Buerokratie das Projekt zerstoeren koennte, stand Kohl auf, schlug kraeftig auf den Tisch und schrie die beiden an, was ihnen einfiele, sie spraechen hier nicht mit irgendwem, sondern dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland), der ein Unterstuetzer des Projektes wurde, nachdem seine Aenderungswuensche (”deutscher Hain im Hintergrund”) aufgenommen wurden. Dann, mit Schroeder, eine ablehnende Haltung gegenueber dem Projekt (die SPD war in der fruehen Phase einer der Hauptgegner des Vorhabens) mit Michael Naumann als Verfechter einer “Eisenman light” Version. Das Hauptprojekt schient tot zu sein…
Interessanterweise brachte Eisenman die Wiederauferstehung des Vorhabens mit Martin Walsers Friedenspreisrede in der Paulskirche in Zusammenhang (einige moegen sich noch an sie und die ihr folgende Diskussion erinnern). Nach der Rede, so Eisenman, waeren ploetzlich alle, aus Trotz, fuer das Projekt gewesen, so wie es urspruenglich geplant worden war. Die deutsche juedische Gemeinde (die auch erst dagegen war, weil sie wohl erhoehten Antisemitismus fuerchtete), die SPD (allen voran Wolfgang Thierse) und die CDU und ploetzlich lief alles sehr schnell.
Interessant! Ein wenig wusste ich schon, anderes war mir neu. Daneben war die Rede fuer mich zugleich sehr ehrlich aber auch enttaeuschend. Ehrlich, weil er den Vortrag mit dem Zugestaendniss startete, dass er das Projekt zuerst nur wegen seines grossen persoenlichen Egos annahm. (Eisenman, als amerikanischer Jude, wuchs nicht traditionell juedisch auf und erlebte den Holocaust nicht direkt, oder ueber Verwandte). Enttauschend, weil ich irgendwie erwartet hatte, dass er mehr und tiefergehenderes zu berichten haette, aus der Perspektive eines juedischen Architekten, der mit vielen Menschen in Deutschland zusammen arbeiten durfte/musste. Und da denke ich lag generell eines seiner groessten Probleme: Die Menschen erwarten von ihm Historiker, Politiker, Verstaendiger und Psychologe der Massen zu sein. In Wirklichkeit, und das kam waerend seiner Rede sehr stark zum Vorschein, ist er aber nur ein Architekt, der eine gute Arbeit abliefern will. Er war immer ueberfordert, wenn es um politische Korrektheit und Sensibilitaet ging (so erzaehlte er auch von dem Vorfall, dass er darueber scherzte, dass Degussa Goldfuellungen herstellte und er, als Jude, einige in seinem Mund habe, worauf die juedische Delegation den Raum aus Protest verliess — er wusste einfach nicht, dass Degussa als Ex-IG-Farben Mitglied das Gold aus den Zaehnen der Toten aus den Konzentrationslagern herausloeste). Wenn man es sich aber mal genau ueberlegt, dann war auch das nur sein Job. Wieso sollte er sich anders verhalten, nur weil er an diesem Projekt arbeitete, nur weil man es von ihm verlangte.
Spaeter stellten einige Zuhoerer fragen. Einige teilten ihm offen heraus mit, dass sie das Memorial nicht gut, zu abstrakt fanden. Die Kontroverse um den “Ort der Erinnerung” wurde auch angesprochen und von ihm, so gut es ging, unter den Teppich gekehrt (er war erst komplett dagegen, letztendlich stimmte er aber der unterirdischen Version zu, kaum eine Wahl habend). Er erwaehnte auch explizit, dass er es gut findet, dass Menschen ueber die Stehlen springen, Sonnenbaeder auf ihnen nehmen, sie unbekuemmert in ihren Alltag integrieren. Im Publikum waren viele juedische Amerikaner. Es war faszinierend zu sehen, wie sich die gestellten Fragen hauptsaechlich darum drehten, wie “die Deutschen” das Memorial aufnehmen, wie die Deutschen fuehlen, wenn sie sich in ihm bewegen. Diese Neugier auf “wie die Deutschen heute sind” war unuebersehbar und so beeindruckend, weil ich diese Fragen auch in mir habe, aber eben aus der Perspektive eines Deutschen “wie denken juedische Menschen ueber Deutsche?”. Spaeter gab es ein kleines Buffet und ich merkte, dass bestimmt 20 (von ca. 200) Zuhoerer deutsch miteinander sprachen.