Gedanken zum Internet
“das Internet ist doch tueckisch, wenn es um Wissen geht. Es verleitet zu der Fehleinschaetzung, man muesse selbst nichts mehr wissen und demzufolge auch nichts mehr lernen. Steht ja alles im Computer. Das halte ich fuer zu simpel, denn das Netz ist doch eher eine informationelle Muellhalde und sehr chaotisch. Gegen dieses Informationschaos hilft nur Bildung, denn wenn ich das Wichtige vom Schrott trennen will, muss ich um grundlegende Zusammenhaenge wissen. Bildung laesst sich nicht downloaden. Und ich habe auch ein generelles Problem mit Leuten, die stolz darauf sind, dass sie keine Zeitung lesen und sich nur noch online informieren - dabei sind doch Zeitungen notwendig, um an der Kultur und der Gesellschaft teilzuhaben.” [SPON Interview mit Guenther Jauch]
Ersetzt man in den ersten beiden zitierten Saetzen “das Internet” mit “Bibliotheken”, dann erkennt man doch recht schnell den Irrtum, dem Herr Jauch hier aufsitzt. Nur weil es etwas gibt, mit dessen Hilfe man schnell und zielgerichtet an Wissen kommt, heisst das noch lange nicht, dass dessen Benutzer verdummen. Im Gegenteil, es ist weithin bekannt, dass Benutzer des Internets im Schnitt gebildeter sind als der deutsche Normalbuerger. Dass es notwendig ist, mehr Struktur und Qualitaet anzustreben, dem stimme ich natuerlich zu, immerhin ist das eines meiner Forschungsziele.
Ob Papierzeitungen notwendig sind, um an “der Kultur” und “der Gesellschaft” teilzuhaben, waere eine Diskussion wert, koennte man sich nur darauf einigen, was man unter diesen Begriffen zu verstehen hat. Wo Herr Jauch Opern, klassische Musik und Leseabende an der Hochschule im Sinn hat, denken andere an Radrennfahren, Metallica, Computerspiele und einen Chat mit ihren Facebook-Freunden. Im Grunde, so koennte man argumentieren, befreit doch das Internet viele Menschen von einem aufgezwungenen jauchschen Kulturbegriff, der nur in der Theorie einheitlich ist, und eroeffnet Buergern, unabhaengig von Nationalitaet und geographischer Lage, neue Moeglicheiten sich in (Sub-)Kulturen und Gemeinschaften ihrer Wahl zu organisieren und auszutauschen. Ob das nun klassische Musikforen sind, ueber die Musiker und Musikfreunde kommunizieren, naechtliche World of Warcraft Spiele oder der Kommentarbereich einer Onlinezeitung, das sollte letztendlich jedem selbst ueberlassen sein.
Update 8. Juni 2009: Guter SPON Artikel ueber die Nichtexistenz des Internets.
4 Comments »
Comment by raccoon
March 25, 2009 @ 12:56 am
Ich weiß schon, weshalb ich mir den Artikel nicht reingezogen habe - allein der Titel verheißt nichts Gutes.
Ich verstehe auch nicht, weshalb Leute, die offenkundig weniger technikaffin sind oder sich mit einer Sache nicht besonders gut auskennen, sich gekünstelt “fachlich” auszudrücken versuchen. Den Kommentar, dass man Wissen nicht downloaden könne, fand ich mindestens genauso Panne wie den Spruch einer Mitarbeiterin heute, sie habe sich ein neues Passwort installiert. Eigentlich hätte ich sie direkt fragen müssen, wie sie ohne Administratorrechte einen Installationsvorgang hinbekommen hat *bfg*. Ähm, ja, danke fürs Gespräch
.
Ich deinstalliere dann das Internet wieder und begebe mich im Bett auf Stand-by-Modus, bevor ich mir morgen ein neues Internet kaufe - in meinem stehen heute wieder nur Müllmeldungen drin, das ist ja nicht auszuhalten!
*zzzZZZzzzZZZ*
Comment by Mathias
March 25, 2009 @ 7:03 am
“Neues Passwort installiert” — Hehe, irgendwie sympathisch…wenn man nicht derjenige ist, der die neuen Passwoerter, weil vergessen, wieder deinstallieren muss.
Uebrigens: Als Herr Jauch von der “informationellen Muellhalde” sprach, dachte er wahrscheinlich an die Homepage seiner eigenen stern.TV Sendung:
Comment by raccoon
May 22, 2009 @ 9:54 am
Themenverwandter und lesenswerter Folgeartikel mit einem Wer-wird-Millionär-Hauptgewinner, kleiner Auszug:
“SPIEGEL: Die meisten Ihrer Kollegen klagen darüber, dass Studenten heute weniger wüssten als früher.
Freise: Das ist so nicht richtig. Die wissen nicht weniger, die wissen nur andere Dinge.”
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